Ich sehe mich noch vor meinem Spiegel stehen, rotznäsig und süße 13 Jahre alt. Voller Träume, Spline und Fantasien, doch ich wusste genau, was ich wollte. Stolz wie Oskar versorgte ich gerade meinen ersten Pickel, den ich als Vorbote für mein Frauen-Dasein betrachtete. Weitere Vorboten wie die erste Regel hatte ich damals schon hinter mir und ich wusste...JETZT IST ES SOWEIT...Ich bin eine FRAU! Gott, wie naiv man doch in dem Alter ist :-).
Ich hatte damals nur Verachtung für Spießer übrig und für solche, die Traditionen wahren, die ich für unmöglich fand. Ich war damals der festen Überzeugung, dass ich mal mit Schildern gewappnet für die Gerechtigkeit der Menschen eintreten würde, sah mich mit 20 in der Politik sitzen, Reden schwingend und erfolgreich. Der perfekte Mann??? Klar, hab ich mir über den Gedanken gemacht und war mir sicher, dass er ein bildhübscher, ehrgeiziger, ehrlicher und natürlich überaus treuer Gatte sein würde, der mein unerschütterlicher Fels in der Brandung sein würde. Beruflich stand damals für mich fest, dass ich, was auch immer ich tun würde, es etwas mit Tieren, Psychologie oder Kindern zu tun hätte. Mein Haus stand in meinen Luftblasen auch schon! Alles akkurat eingeräumt, möglichst schräg und auf keinen Fall normal sollte es sein. Irgendwo, wo ich das Meer rauschen hören würde und wo ich ganz nah an der Natur sein würde.
Über "das erste Mal" dachte ich natürlich auch nach. Das erste Mal würde der Wahnsinn sein..., ich würde Feuerwerke explodieren hören und Blitze vor den Augen haben. Ich würde begehrt und zärtlich geliebt werden, inmitten einem Meer von Kerzen ...im Hintergrund sanfte Musik. Hachja...
Auch der Heiratsantrag tanzte vor meinem fantasievollen Auge. Ich - in einem Meer roter Rosen...und mein Traummann auf den Knien, mit feuchten Augen den Ring aus der Tasche kramend. Selbst meine Hochzeit war minutiös geplant. Sie sollte anders sein, als andere, schließlich war ich das auch. Hoch romantisch, verspielt und doch total abgedreht....was anderes kam für mich nicht in Frage. Doch dann....wurde ich irgendwann 46 und wenn ich so zurückblicke ...muss ich lächeln und mir gleichzeitig vor den Kopf schlagen...denn irgendwie kam es doch anders g*.
Naja, mit Schildern hab ich auch zu tun, wenn ich so an die bekritzelten Pappdeckel an den Kinderzimmertüren denke^^. Beruflich kam es natürlich auch anders...ich bekam Kinder und arbeitete im Büro, um mich vor denselben zu retten g*.
Mit Psychologie hab ich auch zu tun, da ich einen Psycho heiratete, der mir nicht mit Tränen in den Augen einen Antrag machte, sondern so unglaublich ehrgeizig Geld verdiente, dass wir es uns nicht leisten konnten, unverheiratet zu bleiben, nachdem unser Sohn geboren war. Er ging allerdings trotzdem auf die Knie, als er sich hin- und wieder nachts besoffen heimschleppte und vor mir auf die Knie fiel, weil er sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte. Und nach der fürchterlichen Ehe hatte ich wieder mit Psychologie zu tun, da es ohne Psychotherapie nur sehr schwer war, den Tag zu überstehen - aber....ich bin stark, stand wieder auf und suchte weiter nach Mister Right! Mein erstes Mal?? Lol....ja...das war so eine Sache. Das Meer von Kerzen war ein Meer von Socken und Wäschestücken, die in dem kargen Schlafzimmer eines Männer-Haushalts verstreut lagen und die romantische Musik waren die Stimmen unserer Freunde und die dröhnenden Boxen. Immerhin hatte ich Blitze vor den Augen....vermutlich vor Schmerz, denk ich mal g*.
Meine erste Hochzeit war auch alles andere als romantisch, da es kam, wie es meist auf Familienfeiern kommt. ZOFF in jeder Ecke...aber mit Sicherheit unvergessen, wenn man davon absieht, dass ich meiner Hochzeitsnacht eingerollt in Pränatalstellung auf dem Sessel verbrachte :-).
Mein unglaubliches Haus war tatsächlich anders....es war eine Reihenhaus-Dachgeschosswohnung, in die ich mich jedesmal schleppen musste. Winzig klein und duster...., besonders genial, als ich mit meinem ersten Sohn hochschwanger war :-). Nah an der Natur?? Nicht wirklich, wenn man von den üblichen Büschen vor der Haustür mal absieht.
Ja...so ist das mit den Mädchenträumen...
Aber...bevor man ganz verzweifelt...es kann auch anders kommen g*. Der Mann, der mit feuchten Augen auf die Knie ging, um mich zu fragen, ob ich ihn heiraten möchte....kam noch...wenn auch vieeeeeeeel später. Der Mond war unser Zeuge und ich war und bin noch immer glücklich mit ihm.
Letztendlich ist es nicht wichtig, ob alles so kommt, wie wir es uns als Mädchen vorstellen, wichtig ist nur, dass wir uns mit gegenwärtigen Situationen identifizieren können und glücklich sind. Sind wir das nicht, ist es völlig egal, wie alt wir sind, wir brauchen nur die Kraft und den Mut auszubrechen, um neue Wege zu beschreiten, oder?
Ich weiß, das das Leben manchmal schwere Prüfungen von uns abverlangt...es ist auch hier nicht wichtig, wie wir abschneiden...nur, dass wir nicht aufstehen und feige weglaufen. Augen zu und durch - lautet die Devise! Es kommen immer wieder Sonnentage, wenn der Schatten unsere Seele trübt...denn es kann keinen Schatten geben, wenn die Sonne nicht scheint, gell?
Lasst mal euer Leben Revue passieren und teilt mir mit...wie es bei euch ist oder war?! Findet ihr euch in meinem Text wieder?
Ich wünsche euch ein schönes Wochenende mit glücklichen Momenten, an die ihr euch später einmal erinnern könnt...






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