KARFREITAG! Hm, o.k, ich nehme es hin. Mir ist heute wieder aufgefallen, wie sehr ich noch in alten Erziehungsmustern gefangen bin. Mich traf heute morgen der Schlag, als ich sah, wie unser Mitbewohner sich ein Stück Fleischwurst in den Mund steckte und ich fragte mich, ob er wohl jetzt mit irgendwas bestraft wird - lach! Steckt der Christ denn wirklich so in mir drin oder bin ich schlicht und ergreifend abergläubisch?
Wir Christen sind schon ein lustiges Volk und widersprechen uns ja irgendwie in jedem Satz, oder? Ich bin kein getreuer Anhänger der Kirche doch irgendwo tief in meinem Unterbewußtsein stecken noch endlose Phrasen meines Vater, der ein alt eingesessener Kirchgänger war. Mir war es dort immer zu unheimlich, ich hasste es, mich rauszuputzen (weil ich immer der Ansicht war, dass es Gott, sofern es ihn denn gibt, egal ist, was ich anhabe) und die Yoga-Übungen - knieen, aufstehen, setzen, knieen, beten, singen und wieder setzen - waren auch nicht so der Bringer. Außerdem war es da immer schweinekalt!
Naja, dem lieben Frieden Willen ging ich ja mit - ok zugegeben - nicht wirklich. Ich erzählte meinem Dad immer, dass ich mich nach oben setze um die Orgelmusik so richtig in mir aufzunehmen. Natürlich war das nicht ganz die Wahrheit - ich liebte laute Musik, fand allerdings die Synthesizer-Mucke von Jean Michel Jarre weitaus besser. Also wartete ich ab, bis meine Eltern in der Masse frommer Menschen verschwunden waren und ging wieder aus der Kirche bis die Glocken verrieten, dass gleich das weiße Stück Brot, wovon man nicht wirklich satt wird und was am Gaumen kleben bleibt, verteilt wurde und schlich mich in die Menge der Hungerleider, die schon darauf warteten. Mein Vater war glücklich und ich hatte wieder eine Woche Ruhe bis zum nächsten Stück Brot.
Ich war sogar im Kirchenchor, na gut, 2 oder 3 Mal...doch ich bekam jedes Mal ein Lachflash, wenn der Typ vorne, der, der das Sagen hat, so richtig auf das Kirchengedudel abging. Ich konnte mich dann nicht mehr halten und nachdem ich einige Male abgemahnt wurde, hielt ich es für besser, mir eine andere Beschäftigung zu suchen. Dadurch, dass der Wille vorhanden war, werde ich wohl bei Gott einen Gut haben, oder?
Heute bin ich die Mutter und versuche irgendwie meinem Kind Gott und die Christenheit ein wenig näher zu bringen. Gestehe allerdings, dass ich bisher kläglich versagt habe und er mir dann doch eher erläutert, was damals so abging g*. Bin ich deshalb ein schlechterer Mensch?
Wenn man davon ausgeht, dass Gott doch alle Menschen liebt, wird es ihn wohl kaum stören, dass man Donnertag Nacht noch feiert, lacht und glücklich ist und seinen Hintern zu lauter Musik hin- und herschwingt, oder? Aber nein - ab 12 Uhr nachts Tanzverbot. Hab ich schon damals nicht verstanden, aber o.k., wir fügen uns unserem Schicksal. Na oder eben nicht, gelle?
Ich wohne jetzt nicht mehr in der Stadt und zu Ostern ist es hier üblich, das eine Horde wildgewordener Fanatiker mit einem Riesen-Radau morgens in aller Frühe durch die Straßen zieht. "Kleppern" nennt man das hier vor Ort und ich bin froh, dass ich mich so im Griff habe, dass ich noch nichts aus dem Fenster geschrieen oder geworfen habe. Warum die das machen? Na ganz einfach...weil die Glocken nicht läuten und es anscheinend ultrawichtig ist, dass jeder, auch die ...die es nicht interessiert...mitkriegt, das die Messe beginnt, oder so ähnlich. Dann ist mir aber nächtlich laute Musik und wilder Tanz lieber, statt morgens von so einem Scheiß geweckt zu werden.
Wir haben jetzt 12 Uhr Mittag und ich habe bisher noch kein Fleisch verzehrt. Ich war schon 3x im Bad und hab in den Spiegel geschaut, aber ein Heiligenschein ist noch nicht zu sehen. Hab ich was falsch gemacht? Hätte ich die Messe aufsuchen müssen? Feststeht, dass ich heute Fischstäbchen mache...weil ich sonst den fetten Kuchen, den ich gleich backe, nicht genießen kann. Das schlechte Gewissen wäre fatal, wenn ich jetzt zum Kühlschrank gehe und mir Wurst oder Fleisch raushole...wobei, das ein oder andere Stück kann doch nicht schaden, oder? Was aber ...wenn doch?
Reicht denn wirklich ein einziger Tag Verzicht auf fleischliche Verlockung aus, um das Elend auf Erden besser zu machen?
Es gibt sicher Abertausende, die heute vor Karpfen und Co sitzen, um dann morgen als besserer Mensch jemandem anders ins Kreuz zu fallen oder durch miese Machenschaften das eigene Bankkonto zu pflastern. Dann bin ich lieber ein schlechter Christ, stopfe mir gleich doch ein Stück Wurst in den Mund, singe, lache und tanze und werde morgen - als der gleiche Mensch der ich heute bin - aufstehen und weiterhin Gutes tun, einfach...weil ich ein ehrlicher, korrekter Menschenfreund bin und unter dem absoluten Samariter-Syndrom leide.
In diesem Sinne...Euch einen schönen Karfreitag! Tut...was ihr nicht lassen könnt und genießt jeden Augenblick - es könnte der letzte sein :-)



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